HE’S MY GIRL (LA FOLLE HISTOIRE D’AMOUR DE SIMON ESKENAZY)
Spielfilm, Regie: Jean-Jacques Zilbermann, Frankreich 2009, 100 min., OmU
In dieser bezaubernden Fortsetzung von L’homme est une femme comme les
autres (A Man is a Woman, JFFB 1999) treffen wir Simon Eskenazy zehn
Jahre später wieder – immer noch schwul, charmant, Single. Er ist ein
erfolgreicher, weltbekannter Klezmer-Musiker, privat aber bleibt er
passiv, er hält Liebe und Familie auf Distanz.
Auftritt des „Girls“ aus dem Titel: Naïm, ein junger Moslem-Transvestit,
mit dem Simon sich auf einen One-Night-Stand einlässt – oder zumindest
glaubt er das. Als Simons Mutter Bella, eine Auschwitz-Überlebende
voller Lebenslust, aber mit einem schwachen Herzen, zu ihm zieht, um zu
genesen, schmuggelt sich Naïm als Bellas Pflegerin Habiba ins Haus. Dann
kommt auch noch Simons jüdisch-orthodoxe Ex-Frau mit dem Sohn, den er
noch nie gesehen hat, nach Paris, und der meshugaas (Wahnsinn) beginnt.
Regisseur und Co-Autor Jean-Jacques Zilbermann mixt großzügig jüdische
Themen mit politischen Aufregern aller Art: sexuelle Orientierung,
Geschlecht, Religion, Abstammung, nur zu! Paris‘ „Château rouge“, ein
Immigranten-Viertel mit einer wilden Mischung von Sprachen, Rassen,
Religionen und Küchen, bildet die Kulisse.
Behalten Sie Newcomer Mehdi Dehbi im Auge. Sein Naïm/Habiba bringt einen
zum Lachen, verlangt Respekt, bricht einem das Herz und stiehlt die
Show.
Kaj Wilson
LEAP OF FAITH
Dokumentarfilm, Regie: Stephen Z. Friedman, Antony Benjamin, USA 2009, 95 min., OmU
Was bringt Leslie, ein 25-jähriges New Yorker Kindermädchen aus
Trinidad, das in einer liebevollen und charismatischen christlichen
Familie aufwuchs, dazu, eine orthodoxe Jüdin zu werden? Wie weit werden
die Bowsers, ein älteres Paar, das bislang zu den Baptisten in Kansas
gehörte, gehen, um zu konvertieren? Welche Schritte muss die Familie
Shurleff unternehmen, um sich den orthodoxen Juden in Denver
anzuschließen, nachdem sie dem amerikanischen Traum von einem großen
Eigenheim und einem entsprechend hohen Einkommen abgeschworen haben?
Kann Alana, Reserveoffizierin der US-Army und alleinerziehende Mutter,
mit nur geringer Unterstützung ihrer Familie und der unmittelbaren
Umgebung erfolgreich konvertieren?
LEAP OF FAITH begleitet die Protagonisten auf ihrem Weg der
Konvertierung vom Christentum zum orthodoxen Judentum. Das macht es
ihnen nicht leicht. Nicht nur ist es an sich keine missionarische
Religion, die Rabbis überprüfen auch immer wieder die Ernsthaftigkeit
der Neumitglieder. Zu konvertieren verlangt absolute Entschlossenheit,
erschüttert die Grundfesten der eigenen Identität und kann ganze
Familien zerreißen.
Gott segne Amerika, wo die Religionsfreiheit gleichauf ist mit der
Freiheit, sich selbst neu zu erfinden. Diese faszinierenden Stories sind
so typisch amerikanisch wie Apple Pie, aber die Fragen, die sie
aufwerfen, betreffen uns alle: Es geht um Glauben, Toleranz,
Gemeinschaft - und die Suche nach einem Sinn.
Kaj Wilson
LA CÁMARA OSCURA
Spielfilm, Regie: María Victoria Menis, Argentinen 2008, 85 min., OmeU/dt. eingesprochen
1892 verlassen russisch-jüdische Immigranten in Buenos Aires ein Schiff.
Noch auf dem Landungssteg, kurz vor dem Dock, bringt eine Frau ein
Mädchen zur Welt. So beginnt dessen Leben als Außenseiterin. Gertrudis
wird von ihrer Mutter beiseite geschoben, der die schlichte,
tollpatschige Tochter ganz offensichtlich peinlich ist, und sie wächst
zu einer höchst unsicheren Frau heran. Daran ändert sich auch nichts,
als sie einen wohlhabenden jüdischen Farmer heiratet und fünffache
Mutter wird. Mit einer reichen Fantasie gesegnet, genießt Gertrudis in
Stille und Einsamkeit die Schönheit der Welt um sie herum. Mit der
Ankunft eines umherreisenden französischen Fotografen beginnt ihr
Selbstbild sich zu wandeln.
La Cámara Oscura ist die schmerzhaft schöne, nachdenkliche Zeichnung
jüdischer Immigranten, die sich Ende des 19. und Anfang des 20.
Jahrhunderts in der Pampa Argentiniens niederließen. Villa Clara, wo der
Film spielt, wurde 1890 in der Provinz Entre Rios erbaut, einer von
mehreren landwirtschaftlichen Siedlungen von Maurice de Hirschs Jewish
Colonization Association of Paris. Die Einwohner, vor allem jüdische
Immigranten auf der Flucht vor russischen Pogromen, wurden als jüdische
Gauchos (Cowboys) bekannt.
Kaj Wilson
ROOM AND A HALF
Essayfilm, Regie: Andrey Khrzhanovskiy, Russland 2009, 130 min., OmeU/dt. eingesprochen
Das Spielfilm-Debüt des erfahrenen Animateurs und Dokumentarfilmers
Andrey Khrzhanovsky ist ein lyrisches Meisterwerk mit Bildern aus dem
Leben des mit dem Nobelpreis ausgezeichneten russischen Dichters Joseph
Brodsky. Khrzhanovsky verwebt geschickt die erfundene Geschichte des
anonymen Besuches eines älteren, im Exil lebenden Brodsky in seiner
Heimatstadt St. Petersburg mit der Story von dessen Aufwachsen als
Einzelkind in der sich rasant verändernden Ära nach dem Zweiten
Weltkrieg. Mit seiner kinematografischen Alchemie aus Musik, Animation
und Drama verneigt sich der Regisseur zudem vor der Literatur und
erschafft Brodsky zu Ehren eine eigene filmische Version von Auf der
Suche nach der verlorenen Zeit. Als junger Mann – noch zu Zeiten des
repressiven Sowjetregimes – erklärte Brodsky, Russland werde frei sein,
wenn die Prawda Proust druckt. Selten wurde St. Petersburg so wundervoll
dargestellt wie in diesem nostalgischen Lobgesang auf die Kindheit und
eine Sowjetunion, die ihre Dichter und Autoren liebte. Wie inspiriert
durch Fellini und Tarkowski finden sich in diesem außergewöhnlichen Film
sprechende, von Hand gezeichnete Katzen, und ein wunderbarer Moment
zeigt den animierten, fliegenden Exodus von Musikinstrumenten aus
jüdischen Wohnungen in St. Petersburg, deren Bewohner jedoch von der
Schwerkraft in den von Stalin beherrschten Straßen festgehalten werden.
Nancy K. Fishman
ANDRÉ PREVIN – EINE BRÜCKE ZWISCHEN DEN WELTEN
Dokumentarfilm, Regie: Lillian Birnbaum, Peter Stephan Jungk, Österreich 2009, 52 min. OF dt./englisch mit dt. UT
Der am 6. April 1929 in Berlin geborene Sir André Previn zählt zu den
bedeutendsten Musikerpersönlichkeiten unserer Zeit. Er war nicht nur
vierfach Oscar-prämiierter Filmkomponist, er ist darüber hinaus Konzert-
und Opernkomponist, Dirigent, Arrangeur, Orchesterchef, Pianist und
Jazzmusiker in einer Person. Der Film spiegelt Sir Andrés Verbundenheit
mit zwei Welten wider, stellt einen Künstler vor, der sowohl die
amerikanische, als auch die europäische Kultur verkörpert. Zugleich
erzählt er von seiner Liebe zu der berühmten Violinistin Anne-Sophie
Mutter. Ihretwegen kehrte er nach über sechzig Jahren aus dem
amerikanischen Exil nach Europa zurück. Für sie schrieb er das
romantisch-lyrische Violinkonzert Anne-Sophie, das 2005 mit einem Grammy
ausgezeichnet wurde.
Nicht als Frage-und-Antwort-Spiel konzipiert, führt André Previn den
Zuschauer vielmehr durch Stationen seiner Lebensgeschichte, macht uns
mit Menschen bekannt, die ihm wichtig waren und sind, neben Anne-Sophie
Mutter sind dies u.a. die einstige Ehefrau Mia Farrow, der Dramatiker
Tom Stoppard, die berühmte Sopranistin Renée Fleming, sowie seine Söhne
Lukas, ein Rockmusiker und Fletcher.
ANDRÉ PREVIN – EINE BRÜCKE ZWISCHEN DEN WELTEN von Lillian Birnbaum und
Peter Stephan Jungk porträtiert den 1929 in Berlin geborenen,
weltberühmten Komponisten, Musiker, Dirigenten und vierfachen
Oscar-Preisträger André Previn. Dabei wird der Ausnahme-Künstler unter
anderem von seinen beiden Ex-Frauen Mia Farrow und Anne-Sophie Mutter
sowie seinen Söhnen aus verschiedenen Ehen interviewt. Darüber hinaus
zeigt der Film wunderbare Ausschnitte aus seinem reichen künstlerischen
Schaffens der vergangenen Jahrzehnte.
Peter Stephan Jungk
HAPPY END
Spielfilm, Regie: Frans Weisz, Niederlande 2009, 90 min., OmU
Frans Weisz schuf eine einnehmende Saga miteinander verwobener
Beziehungen unter mehreren Generationen niederländischer Juden, deren
Familien den Zweiten Weltkrieg überlebt haben. Patriarch Simon liegt im
Sterben, aber noch hat er alles fest im Griff. Seine Familie und seine
Freunde versammeln sich, um ihm Trost zu spenden und zu klären, was zu
tun ist, wenn er nicht mehr selbst entscheiden kann. In einer Mischung
aus ernsthaften Betrachtungen über die generationsübergreifende
Auswirkungen des Holocaust auf die Familienmitglieder und ihren Wünschen
und Träumen – die sie dem komatösen Simon zum Teil unverschämt
detailliert schildern – erschafft der Regisseur ein intimes Abbild
niederländisch-jüdischen Lebens. Der dritte Teil seiner epischen
Trilogie (Polonaise entstand 1989, Qui Vive 2001) zeigt die Kinder der
Überlebenden, die sich auseinandersetzen müssen mit der Sterblichkeit
ihrer Eltern, dem schwelenden Verlangen nach alten Liebschaften und
schmerzenden Familiengeheimnissen. Die schlichte Tatsache der
nachfolgenden Generation, von ihren Alltagsproblemen bis zu ihren
größten Wünschen, verleiht Simons Aussage Substanz, dass „eine Stunde
auf der Erde mehr wert ist als eine Ewigkeit unter der Erde“.
Nancy K. Fishman
AHEAD OF TIME
Dokumentarfilm, Regie: Bob Richman, USA 2009, 73 min., OF
Ruth Gruber, 97, arbeitete siebzig Jahre lang als hervorragende
Journalistin und Autorin. Sie katapultierte sich aus Brooklyn direkt in
die Weltpolitik und begleitete einige der wichtigsten Weichenstellungen
in der jüngeren Weltgeschichte, vor allem auch der jüdischen Geschichte.
Als Oberschülerin begeisterte sie sich für die deutsche Kultur und
erhielt ein Stipendium an der Universität Köln, wo sie im Alter von nur
zwanzig Jahren zur weltweit jüngsten Trägerin eines Doktortitels wurde.
Unbeeindruckt durch die Tatsache, dass Journalisten damals fast
ausschließlich Männer waren, bahnte sie sich hartnäckig ihren Weg und
zeichnete sich zugleich durch eine ungeheuere Fähigkeit zur Empathie
aus, die sich in all ihren Interviews zeigte. Ihre äußerst menschlichen
Berichte zogen das Augenmerk der Welt auf die Nürnberger Prozesse, die
Irrfahrt des Schiffs Exodus 1947, die Treffen der Vereinten Nationen in
Palästina und die Gründung des Staates Israel. Sie berichtete im Übrigen
nicht nur über aktuelle Ereignisse, sie hatte auch an ihnen teil: 1944
verpflichtete sie die Regierung Roosevelt im Rahmen eines streng
geheimen Kriegseinsatzes als Begleiterin von 1000 Holocaust-Flüchtlingen
aus Neapel nach New York. Gruber zeigt sich in dieser handwerklich
ausgezeichneten Dokumentation voll faszinierender Archivaufnahmen
gleichermaßen fesselnd amüsant und nachdenklich.
Nancy K. Fishman
USED PEOPLE
Spielfilm, Regie: Beeban Kidron, USA 1992, 115 min., OF
Queens, New York, 1969. Am Tag der Beerdigung ihres Mannes erfährt Pearl
Berman (Shirley MacLaine), dass sie einen geheimen italienischen
Verehrer hat (Marcello Mastroianni), der sie seit 23 Jahren aus der
Ferne liebt. Und als wäre die Verbindung von MacLaine und Mastroianni
noch nicht genug, besticht dieses berührende 1992er-Juwel über die
zweite Liebeschance einer jüdischen Frau mittleren Alters durch
großartige Nebendarsteller wie Kathy Bates und Marcia Gay Harden als
Pearls disfunktionale Töchter, Jessica Tandy als ihre Mutter und Sylvia
Sidney als die langjährige beste Freundin der Mutter.
Niemand spielt schwierige Mütter besser als Shirley MacLaine. Äußerlich
knallhart und scharfzüngig ist Pearl nicht die stereotyp manipulative,
gluckenhafte jüdisch-amerikanische Mutter, die ihren Kindern ewig zum
Vorwurf macht, was sie alles für Opfer brachte. Sie steht eher für einen
Muttertyp aus der Depressionszeit: eine emotional reservierte,
handfeste und oft frustrierte Hausfrau, die sich um ihre Kinder weder so
kümmerte noch sich so mit ihnen anfreundete, wie es heutzutage üblich
ist. Pearl reiht sich mit MacLaines Aurora Greenway (Zeit der
Zärtlichkeit, 1983) und Doris Mann (Grüße aus Hollywood, 1990) ein in
die Hall of Fame der beinharten Mütter.
Kaj Wilson
FIVE HOURS FROM PARIS (CHAMESH SHAAOT ME PARIS)
Spielfilm, Regie: Leonid Prudovsky, Israel 2009, 90 min., OmeU/dt. eingesprochen
Yigal und Elena begegnen sich in einem Arbeiter-Vorort Tel Avivs. Er ist
gebürtiger Israeli, sie eine russische Immigrantin. Er ist Taxifahrer,
sie Musiklehrerin. Er ist geschiedener, alleinerziehender Vater, sie
verheiratet. Er hat begrenzte Ambitionen, sie hat sich ihre längst
abgeschminkt. Er hat Flugangst, sie fliegt bald davon. Beide lieben
französische Chansons. Wie groß ist die Chance auf ein Happy-End? Der
stille Charme des Films, sein zarter Rhythmus und die Chemie zwischen
den Hauptdarstellern Dror Keren (Yael) und Elena Yaralova (Elena)
ergeben eine unwiderstehliche Romanze. Vladimir Friedman ist in einer
Nebenrolle als Elenas Ehemann zu sehen – ein Urologe, der davon träumt,
nach Kanada auszuwandern.
Gezeigt auf dem letztjährigen Toronto International Film Festival und
Gewinner des Preises als bester israelischer Spielfilm beim Haifa
International Film Festival 2009 stellt Five Hours from Paris das
beeindruckende Spielfilmdebüt von Regisseur Leon Prudovsky dar, der in
Russland geboren wurde und als Kind nach Israel kam.
Kai Wilson
ESTHER & ME
Dokumentarfilm, Regie: Lisa Geduldig, USA 2010, 31 min., OF
Anschl.: Live-Comedy-Performance mit Lisa Geduldig und Shazia Mirza
Esther Weintraub, ehemaliges Model, ist mittlerweile kratzbürstige
Bewohnerin eines jüdischen Altenheims in San Francisco. Sie ist zudem
Stand-Up-Komikerin, die mit den Jahren zur „Sit-Down-Komikerin“ wird.
Esther begann ihre Bühnenkarriere als Geigerin im jüdischen
Mandolinen-Orchester in Kanada und zog als Teenager nach New York, wo
sie erfolgreich als Model arbeitete. Mittlerweile ist Esther Großmutter
und freundet sich an mit Lisa Geduldig, einer lesbischen jüdischen
Komikerin und Comedy-Produzentin, die mit ihr Witze reißt und sie ins
Theater begleitet, unter anderem in eine Drag-Show. Trotz des
Altersunterschiedes von fast 50 Jahren sind Esther und Lisa sich
erstaunlich ähnlich, Esther stellt erkennbar begeistert fest: „Wir haben
denselben kranken Humor!“ Lisa lockt Esther mit 87 Jahren noch einmal
zu einem von ihr produzierten Auftritt auf die Bühne zurück: Für Funny
Girlz: A Smorgasbord of Women’s Humor erntet Esther standing ovations.
Die Debüt-Regisseurin Lisa Geduldig fängt die Essenz der
generationsübergreifenden Kameraderie mit Humor und viel Gefühl ein.
Esther & Me zeugt vom kraftvollen Zauber gemeinsamen Lachens.
Nancy K. Fishman
THE YANKLES
Spielfilm, Regie: David R. Brooks, USA 2010, 115 min., OF
Wenn Sie schon immer nach einem Film sehen wollten, der die Liebe zur
Torah mit der Liebe zu Baseball vereint, dann wird Sie diese pfiffige
Komödie über eine aufstrebende jüdisch-orthodoxe Baseballmannschaft
begeistern. Und sogar wer Sport nicht ausstehen kann, wird an David und
Zev Brooks‘ Spielfilm Spaß haben. Das Debüt der Brooks-Brüder handelt
von einem weisen Rebbe und einem bösen College-Sportveranstalter – und
bezieht deutlich Position zugunsten von Vielfältigkeit und Toleranz
sowohl innerhalb der jüdischen Gemeinschaft als auch in der Welt des
Sports. Als Profi-Baseballspieler Charlie Jones nach mehreren
betrunkenen Autofahrten dazu verurteilt wird, 192 Stunden Sozialdienst
zu leisten, übernimmt er notgedrungen das Training der orthodoxen
Jeschiwa-Baseballmannschaft, „Yankles“ genannt. Charlie ist nicht wild
darauf, die Jungs mit den Schläfenlocken zu coachen, aber ihr
Mannschaftsgeist und sogar ihre religiösen Überzeugungen erweisen sich
als ansteckend. Seine Ex-Frau hilft ihm, den Job dingfest zu machen, und
indem Charlie sich seinen Dämonen stellt, erarbeitet er sich vielleicht
sogar noch eine zweite Chance bei ihr.
Nancy K. Fishman
OFF AND RUNNING
Dokumentarfilm, Regie: Nicole Opper, USA 2009, 76 min., OF
Die jüdische Lesbe Tova Klein wurde in Israel geboren und zog dann nach
Brooklyn, wo sie in einer jüdisch-orthodoxen Familie aufwuchs. Sie
verliebte sich in Travis Cloud und die beiden adoptierten drei Kinder:
Avery, Rafi und Zay-Zay. Als Avery in die Pubertät kommt, stößt die für
ihr Alter typische Identitätssuche auf zusätzliche Probleme, weil sie
eine junge schwarze Frau in einer weissen, zudem lesbischen jüdischen
Familie ist. „Fühlst du dich schwarz?“, fragt ein Therapeut Avery
Klein-Cloud. Sie antwortet ehrlich: „Ich weiß nicht, was das heißt.“
Avery möchte mehr Zeit mit ihren afro-amerikanischen Freunden und ihrem
Freund verbringen, sie will ein kulturelles Milieu erkunden, das ihr zu
Hause fehlt. Als Avery versucht, Kontakt zu ihrer biologischen Mutter
aufzunehmen, entsteht emotionaler Aufruhr in der gesamten
Adoptivfamilie. Die Suche nach ihren Wurzeln ist ihr ein Grundbedürfnis,
stärker noch als ihr Talent als begabte Leichtathletin. Nicole Oppers
ausgezeichnete Dokumentation beschäftigt sich mit der eigenen
Abstammung, dem Erwachsenwerden und der herzzerreißenden Suche einer
jungen Afro-Amerikanerin, die in einem fortschrittlichen jüdischen
Haushalt groß wurde, nach sich selbst.
Nancy K. Fishman
ROMEO AND JULIET IN YIDDISH
Spielfilm, Regie: Eve Annenberg, USA 2010 91 min. OF Jidd./ engl. mit engl. UT
„Was ist ein Name?
Was uns Rose heißt,
Wie es auch hieße,
Würde lieblich duften“.
Das sagt Julia – auf Jiddisch – in Eve Annenbergs innovativem,
Shakespeare-durchdrungenen Drama über ehemals orthodoxe Männer, die Ava,
einer Jiddisch-Schülerin, ihre Kenntnisse zur Verfügung stellen. Der
zwanzigjährige Laser aus Brooklyn finanziert gemeinsam mit seinem Kumpel
Mendy Essen und Drogen durch Kleindiebstähle. Von ihren Familien und
ihrer Gemeinschaft abgeschnitten, sprechen sie den starken Akzent der
ultraorthodoxen Satmer-Sekte, in der Jiddisch Muttersprache ist. Ava,
eine Krankenschwester in der Notaufnahme, lernt für einen
Master-Abschluss in Mameloschen, eben jener Muttersprache. Sie liebt
Jiddischkeit, aber nicht das Orthodoxe. Als sie sich vornimmt, Romeo und
Julia ins Jiddische zu übersetzen, empfiehlt ihr ein
Satmer-Krankenwagenfahrer, die beiden Kleingauner Laser und Mendy um
Hilfe zu bitten. Es gibt nur ein kleines Problem: Die beiden haben noch
nie von Shakespeare gehört. Als sie beginnen, das archaische Stück zu
„modernisieren“ und auszuagieren, geraten die jungen Männer verzückt in
seinen Bann. Annenbergs rundum bezaubernde Meditation auf das Leben und
die Liebe in New York führt zu einer Annäherung zwischen der säkularen
und der ultraorthodoxen Welt.
Nancy K. Fishman
ULTIMATUM
Spielfilm, Regie: Alain Tasma, Frankreich/Israel 2009, 102 min., OmeU/dt. eingesprochen
Die französische Jüdin Luisa lebt und studiert 1991 in Jerusalem, jener
Zeit der Bombendrohungen Iraks. Ihr gutaussehender Freund Nathanael
verliert sich in seiner Malerei und düsteren Stimmungen. Luisas beste
Freundin Tamar ist schwanger und sorgt sich, dass ihr Mann, der
Radio-Reporter Gil (Lior Ashkenazi), im Sender sein wird, wenn die
Raketen fallen. Tamars Mutter (Hana Laszlo) glaubt, die Entbindung ihrer
Tochter vorauszuahnen und fährt mit aufgesetzter Gasmaske aus Haifa
nach Jerusalem. Der Film basiert auf Valérie Zenattis gleichnamigem
Roman aus dem Jahr 2006, und zu den weiteren Figuren gehören Luisas Boss
Amos (Tzahi Grad) mit seinem frisch gebrochenen Herzen, Nathanaels
palästinensischer Freund Hadj, der versucht, eine Gasmaske zu besorgen
und Luisas Nachbarin Mrs. Finger-Mayer, eine Holocaust-Überlebende, die
nicht ganz sicher ist, in welchem Krieg sie sich eigentlich gerade
befindet. Alain Tasmas breit angelegtes Drama spiegelt die Anspannung
nach den irakischen Raketenangriffen auf Israel. Die Einschläge
illuminieren die scharfen Kanten im Leben der Protagonisten und rücken
die trivialen Sorgen des Alltags in den Schatten. So entsteht ein
deutliches Relief der wichtigen Bindungen von Familie und Freunden sowie
des Willens, zu überleben.
Nancy K. Fishman
TOGETHER ALONE
Kurzfilm/Doku, Regie: Lucy Kaye, UK 2009, 32 min., OF
Lily, Cyril, Rose, Hannah und Bleemar sind in den Neunzigern und leben
allein in London. Um die Jahrhundertwende kamen über 120.000 jüdische
Immigranten ins Londoner East End – diese fünf gehören zu den letzten
Überlebenden. Das Leben dieser resoluten Senioren ist oft von Einsamkeit
geprägt, doch Lucy Kayes Film dokumentiert vor allem ihren Humor und
Optimismus. Tägliche Rituale – vom Auftragen des Lippenstiftes bis zum
Anhören einer Oper – durchbrechen den stillen Rhythmus ihrer Welt.
Vielleicht das wichtigste der Rituale ist das Teetrinken, mit
bewundernswerter Tapferkeit verkündet einer dieser grundsoliden
East-Ender ungerührt: „Wir leben noch, also trinken wir ein Tässchen
Tee.“ Die Kamera ruht auf sich im Wind blähenden Vorhängen und
wunderbaren Jugendfotos der Protagonisten, von Hochzeitsbildern bis zu
den Muskelpaketen eines ehemaligen Gewichthebers. Für alle, die den
Bombenhagel auf London überlebten, ist der Zweite Weltkrieg ein
entscheidender Einschnitt. Schwer zu sagen, ob ihr Durchhaltevermögen
darin begründet liegt, dass sie Juden sind, oder Briten, oder dass sie
schon die Neunzig erreicht haben – vielleicht liegt es auch daran, dass
sie lachen und tanzen, wenn sie sich treffen.
Nancy K. Fishman
Lucy Kaye, geboren in London, studierte an der britischen National Film and Television School, war Produktionsassistentin in New York und arbeitete bei zwei erfolgreichen BBC-Dokumentationen als Produktionsassistentin von Regisseur Marc Isaacs. Derzeit beschäftigt sie sich mit der Entwicklung verschiedener neuer Formate für das britische Fernsehen.
DER KLEINE ZALAM
Dokumentarfilm, Regie: Julia Tal, Deutschland 2009, 64 min.,
Als Hitler 1933 an die Macht kam, war es für den Kameramann Walter
Kristeller in Berlin zu Ende. Er packte seine Film- und Fotoapparate und
machte sich auf den Weg nach Palästina. Während viele seiner
Arbeitskollegen bei der UFA Babelsberg ihr Glück in Amerika suchten,
verkündete Walter überraschend, er werde dorthin gehen, wo er als Jude
hingehöre – nach Palästina.
75 Jahre später macht sich die Filmemacherin Julia Tal auf die Suche
nach dem Werk ihres Großvaters. Israel feiert in diesem Jahr sein
60jähriges Bestehen.
Mit Hilfe erhaltener Dokumente und Zeitzeugen folgt sie der Spur seiner
Filme. Von den Ideen der Pioniere ist nur wenig erhalten geblieben und
auch Walters Legende erscheint in einem anderen Licht. Sein Werk ist
untrennbar mit der Entstehung des Staates Israel verbunden und statt mit
seinen Filmen setzt sich die Filmemacherin immer stärker mit den
Konflikten auseinander, deren Ursprünge bis in Walters Zeit
zurückreichen.
Julia Tal
SAYED KASHUA – FOREVER SCARED
Dokumentarfilm, Regie: Dorit Zimbalist, Israel 2009, 53 min., OmeU/dt. eingesprochen
„Ich habe Angst vor Autos, Hunden, Schlangen; ich habe Angst vor
Flugzeugen, Hubschraubern, Panzern und Soldaten. Ich habe Angst vor
Terroranschlägen. Ich habe Angst vor Juden, ich habe Angst vor Arabern,
ich habe Angst, dass sie uns eines Tages in Flüchtlingslager stecken.“
(Sayed Kashua, Haaretz, 2002).
Sayed Kashua hat stets das Gefühl, nicht richtig dazu zu gehören. Die
Juden mögen ihn nicht, weil er Araber ist. Die Araber mögen ihn nicht,
weil er erfolgreich ist. Die Araber halten ihn für einen Kollaborateur.
Die Juden für einen Alkoholiker. Er gilt immer als „anders“ – und hat
immer Angst. SAYED KASHUA – FOREVER SCARED begleitet Kashua, einen
israelisch-arabischen Schriftsteller und Drehbuchautor, sieben Jahre
lang durch die Wirren und Ereignisse seines Lebens. Es ist ein
persönliches und doch politisches Porträt eines Autors, Ehemannes und
zweifachen Vaters. Die Familie zahlt einen hohen Preis für die
Entscheidungen, die Kashua trifft, für sein ständiges Wechseln von Ort
zu Ort, von Volk zu Volk, seine mangelnde Zugehörigkeit da wie dort.
2008 eröffnete das Jewish Filmfestival Berlin mit der beliebten israelischen TV-Serie Arab Work nach Drehbüchern Sayed Kashuas, der dafür extra nach Berlin reiste. Seine Bücher Tanzende Araber und Da ward es Morgen wurden in Deutschland beim Berlin Verlag veröffentlicht.
Nancy K. Fishman
THE WORST COMPANY IN THE WORLD
Dokumentarfilm, Regie: Regev Contes, Israel 2009, 50 min., OmeU/ dt. eingesprochen
Liebe und Humor sind reichlich zu finden, aber die Geschäfte laufen
schlecht in Regev Contes‘ Dokumentation über eine kleine israelische
Versicherungsagentur, die sein Vater zugrunde richtet. Carol (Regevs
Vater) ist ein Immigrant aus der Tschechoslowakei, er leitet die Firma
gemeinsam mit seinem Bruder Latzi, dessen Fähigkeit, Kartoffeln mit
Butter zu kochen weit größer ist als sein geschäftliches Talent. Der
dritte Mitarbeiter ist Moishe, ein alter Freund, der mindestens ebenso
viel Zeit damit verbringt, auf der Couch zu dösen, wie mit dem
Office-Management. Ständig kurz vor dem Bankrott stellt die Agentur
dennoch das soziale Netz dieser drei geschiedenen Single-Männer dar, die
zusammen lachen und Marshmallow-Pies essen. Sie sind intelligent,
gebildet und gutmütig, haben aber nicht die geringste Ahnung, wie man
erfolgreich Geschäfte macht. Regisseur Regev Contes bringt sich
wortwörtlich in die Firma – und den Film – ein in dem Bemühen, die
Effizienz der Firma zu steigern. Aber der Widerstand, auf den er trifft,
ist zäher als Marshmallow-Pie. Dieses preisgekrönte und sehr
persönliche Werk (Mayor of Tel-Aviv-Yaffo Award für einen „jungen und
vielversprechenden Filmemacher“ beim DocAviv Festival in Tel Aviv)
dokumentiert ein komplettes Steuerjahr und untersucht zugleich die
Feinheiten einer Vater-Sohn-Beziehung.
Nancy K. Fishman
QUEEN OF JERUSALEM
Dokumentarfilm, Regie: Dani Dothan, Dalia Mevorach, Israel 2009, 75 min., OmU
Der bekannte Sänger, Filmemacher und ehemalige bad boy Dani Dothan richtet seine Kamera auf seine Mutter, Professor Trude Dothan, 86, die First Lady der israelischen Archäologie. So entstand eine außergewöhnliche und sehr persönliche Dokumentation, die sich mit den komplexen Gefühlen auseinandersetzt, welche in den letzten Lebensjahren eines Elternteils so aufkommen. Dani bemüht sich, seine eigenen Verletzungen in Einklang zu bringen mit der Verwundbarkeit seiner Mutter, einer Frau, die Schwäche verabscheut. Seine Erzählung beginnt mit den Worten: „Als kleiner Junge dachte ich, meine Mutter sei eine Königin. Sie verfügte über ein blendendes Lächeln, den kalten Glanz und eine strenge Stimme.“ Wir Zuschauer müssen Danis Bericht über seine Mutter in Einklang bringen mit der öffentlichen Person Trude Dothan, Trägerin des Israel-Preises und weltbekannte Archäologin, die der Film ebenfalls zeigt. Als ein Sturz sie für ein Jahr ans Haus fesselt, zieht Dani bei ihr ein und beschließt, das Leben seiner Mutter „auszugraben“. Trudes Wohnung wird zu einem verführerischen Universum, in dem die Funde ihrer kunstinteressierten Wiener Eltern auf Objekte von Banausen treffen – die, wie Trude anmerkt, gar nicht so unkultiviert waren.
Nancy K. Fishman
MODUS OPERANDI
Dokumentarfilm,Regie: Hugues Lanneau, Belgien 2008, 98 min., OmeU
Zwischen 1942 und 1944 wurden 24.916 Juden von Belgien nach Auschwitz deportiert. Nur 1.206 kehrten zurück. Das Verhalten der belgischen Behörden, das von Widerstand bis zu expliziter oder unbeabsichtigter Kollaboration reichte, steht im Mittelpunkt dieser filmisch hervorragenden Dokumentation.
A FILM UNFINISHED
Dokumentarfilm, Regie: Yael Hersonski, Israel 2009, 88 min., OmU
Zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges entdeckten Archivare
eine Reihe Filmdosen der Nazis, darunter auch den Rohschnitt eines Films
über das Warschauer Ghetto im Jahre 1942. Die Aufnahmen wurden als
historisch korrekt eingestuft und somit zur Quelle für Archive und
Dokumentarfilmer.
Der Nazi-Film arbeitet mit Extremen: Szenen entsetzlichen Elends, großer
Qualen und des Todes kontrastieren mit Aufnahmen von wohlbetuchten,
wohlgenährten Juden, die tafeln und tanzen. Die Nazis „dokumentierten“
zudem eine Beschneidung, Besuche eines rituellen Bades und andere
jüdische Bräuche.
Doch die meisten der Szenen waren gestellt. Das beweisen eine Spule mit
Verschnitt, die Jahre später gefunden wurde, ebenso wie Auszüge aus
Tagebüchern von Bewohnern des Ghettos, Berichte Überlebender des
Warschauer Ghettos und die Aussage eines Nazi-Kameramannes, der an dem
Propagandafilm mitgearbeitet hatte.
Yael Hersonski verwebt filmische Fundstücke, Verschnitt, Berichte und
Begleitkommentare zu einem beeindruckenden, verblüffenden Werk, das in
sich einen Akt des Widerstands darstellt gegen die kamerabesessenen
Nazis und alle, die mit Hilfe der Filmkunst das Böse förderten.
Kaj Wilson
Kino Arsenal, Mittwoch 5. Mai, 18 Uhr
WOHIN UND ZURÜCK, TEIL 1 „AN UNS GLAUBT GOTT NICHT MEHR“
Spielfilm, Regie: Axel Corti, Österreich 1982, 110 min.
Wien 1938: Die „Kristallnacht“ ist vorüber und ältere jüdische Frauen
fegen das zerbrochene Glas zusammen. Mit dieser Szene setzt Axel Corti
den Ton für seine mitreißende Trilogie WOHIN UND ZURÜCK: er zeigt in
seinen Filmen nicht die großen Dramen einer grausamen Zeit, sondern wie
die Grausamkeit den Alltag prägt. Als Ferry Tobler (Johannes
Silberschneider), der Sohn eines ermordeten Schneiders, feststellt, dass
seine Wohnung geplündert wurde, wagt er zusammen mit anderen die Flucht
nach Prag. Unterwegs schließt er sich mit ähnlich Verzweifelten
zusammen: „Gandhi“ (Armin Mueller-Stahl), der den Nazis Widerstand
leistete und aus Dachau floh, und Alena (Barbara Petritsch),
Mitarbeiterin eines Flüchtlingskomitees. In wundervoll komponierten
Schwarzweiß-Aufnahmen, die perfekt zu Archivaufnahmen passen, macht
Cortis erster Teil der Trilogie die Emotionen der Menschen fühlbar, die
vor den Kampfstiefeln der Geschichte flohen.
Steve Seid
Kino Arsenal, Mittwoch 5. Mai, 20 Uhr
WOHIN UND ZURÜCK, TEIL 2 „SANTA FÉ“
Spielfilm, Regie: Axel Corti, Österreich 1986, 110 min.
New York 1941: Wir verlassen nun Ferry Tobler, während der besorgte
Flüchtling Freddy Wolff (Gabriel Barylli) den Landungssteg eines
Schiffes herunterkommt, nur um in die Wirren einer ungewollten
Immigration verwickelt zu werden. Wie ein Nachkomme Karl Mays sehnt sich
Freddy nach den einsamen Weiten des Wilden Westens und hat bereits ein
Zugbillet nach Santa Fe bei sich, doch diese Strecke wird er nie fahren.
Stattdessen avanciert die Skyline Manhattans zu seinen Berggipfeln und
die Emigrantengemeinschaft zu seiner Grenzstadt. Die anderen Flüchtlinge
sind verwirrt durch die quälende Situation: ein älterer Dichter führt
einen Deli, ein begabter Chirurg ist arbeitslos, ein Theaterschauspieler
gibt im Radio Tiergeräusche von sich und Freddy endet im Nähzimmer
eines Hutmachers. Jeder hat verführerische Träume von seinem Santa Fe,
doch in Cortis historisch gesichertem Film ist es der unerbittliche
Überlebensstress, der dagegen steht und die Belastbarkeit der Menschen
zeigt.
Steve Seid
Kino Arsenal, Donnerstag 6. Mai, 18 Uhr
WOHIN UND ZURÜCK, TEIL 3 „WELCOME IN VIENNA“
Spielfilm, Regie: Axel Corti, Österreich 1986, 127 min.
Österreich 1945: Freddy Wolff (Gabriel Barylli) ist mittlerweile Soldat
der US-Armee und erreicht das zerbombte Wien als zögerlicher Sieger.
Zusammen mit Sergeant Adler (Nicolas Brieger), einem kommunistischen
Intellektuellen, der ursprünglich aus Berlin stammt, gehört er zu einer
Besatzungstruppe, deren Aufgabe darin besteht, die in Ruinen liegende
Stadt zu entnazifizieren. Nach dem Sieg über die Deutschen steigen die
ehemaligen Kollaborateure jedoch wieder auf, als sei nichts geschehen.
Entgeistert über das dreiste Abstreiten aller Untaten findet Freddy
Trost in den Armen Claudias (Claudia Messner), der schönen Tochter eines
ehemaligen Nazi-Geheimdienstlers. Mit dem Ende seiner Trilogie schuf
Corti „einen Film, der die Dichte und emotionale Gewalt von Renoirs ‚Die
Spielregel‘ erreicht“, urteilte Kritiker David Thomson. „Nichts ist
beendet oder geklärt.“
Steve Seid
MAZEL TOV
Dokumentarfilm, Regie: Thomas Bergmann, Mischka Popp, Deutschland 2009, 91 min.
Anschl.: Bekanntgabe der weiteren beiden Preisträger des 16. JFFB
Ein Fest jüdischer Kriegsveteranen in Frankfurt am Main. Am 9. Mai, dem
Tag der Befreiung, wird jedem eine rote Rose überreicht. Man klatscht,
tanzt und weint ein bisschen. Dann sitzen sie in ihren Neubauwohnungen
vor schweren Vorhängen auf geblümten Plüschsofas, zeigen Fotos und
erzählen… Auch nach langen Jahren in Deutschland verlaufe »in der Welt
der Emigranten noch alles auf Russisch«, sagt jemand. Anders die Kinder
und die, die sich scheinbar mühelos in beiden Welten bewegen: die Enkel.
Äußerlich unterscheiden die sich in nichts von ihren hier geborenen
Altersgenossen; bei der Jom Haatzmaut-Party sehen alle wie Ken und
Barbie aus und plötzlich scheint es viel schwerer, die Welten der Alten
und der Jungen zusammenzudenken als die von Zu- oder Nichtzugewanderten.
Festlegen will sich niemand so recht. Selbst die alten Rotarmisten sehen
sich weniger im »Land der Täter« als in dem der Besiegten und
Befreiten. Der Veteran, der seine Auszeichnungen für »aktive
Kampfhandlungen« zeigt, erklärt: »Ich wusste, wenn wir nicht siegen,
wird es keine Juden mehr geben.« – Das ist auch Dalia, der
Sozialarbeiterin, bewusst: »Sie haben uns befreit, ich meine das ganze
russische Volk. Sie haben die höchsten Opfer gebracht. Ich muss weinen,
wenn ich sie sehe, mit ihren Orden….«
Gewidmet den jüdischen Kämpfern in der Roten Armee – steht im Abspann des Films.
Judith Kessler
AJAMI
Spielfilm, Regie: Scandar Copti, Yaron Shani, Israel/Deutschland 2009, 120 min.
Gemeinsam geschrieben und inszeniert von einem Palästinenser und einem
Juden, und besetzt mit fantastischen Laiendarstellern, ist AJAMI eine
kreative Höchstleistung israelischer Filmkunst. Das Stück spielt in
Jaffas armem Viertel Ajami, die Verbrechensrate ist hoch und die
Mischung der Anwohner explosiv: christliche und arabische Israelis,
Beduinen, Palästinenser aus den besetzten Gebieten, Juden. Schüsse aus
einem fahrenden Auto stehen am Beginn der Erzählung. Der Film bewegt
sich vorwärts und rückwärts durch die Zeit, präsentiert neue Figuren und
ihre Geschichten und zeigt, wie tragisch sie alle miteinander verbunden
sind.
Das klingt düster und ist es auch, aber der Film – seine Kunst, sein
Handwerk, sein innerer Drang, und vor allem seine Großzügigkeit – ist
erhebend. Hier gibt es keine 08/15-Bösewichte; die Grenzen zwischen Gut
und Böse, zwischen widerstreitenden Familien, Stämmen und nationalen
Loyalitäten sind dafür zu kompliziert. Familienaufnahmen fast
unerträglicher Zartheit unterstreichen, wie die Gewalt das Gewebe der
Gesellschaft zerreißt und die Jugendlichen ihrer Jugend beraubt.
Zu den zahlreichen Auszeichnungen für den Film und die Regisseure
Scandar Copti und Yaron Shani gehören eine Oscar-Nominierung als bester
fremdsprachiger Film sowie israelische Ophir Awards als Bester Film und
für die Beste Regie.
Kaj Wilson

