HE’S MY GIRL (LA FOLLE HISTOIRE D’AMOUR DE SIMON ESKENAZY)
© Fotos & Trailer: BAC FILMS
DEUTSCHLANDPREMIERE, Kino Arsenal, Sonntag 25. April, 18 Uhr
HE’S MY GIRL (LA FOLLE HISTOIRE D’AMOUR DE SIMON ESKENAZY)
Spielfilm
, Regie: Jean-Jacques Zilbermann, Frankreich 2009, 100 min., OmU
Gast: Hauptdarsteller Mehdi Dehbi

In dieser bezaubernden Fortsetzung von L’homme est une femme comme les autres (A Man is a Woman, JFFB 1999) treffen wir Simon Eskenazy zehn Jahre später wieder – immer noch schwul, charmant, Single. Er ist ein erfolgreicher, weltbekannter Klezmer-Musiker, privat aber bleibt er passiv, er hält Liebe und Familie auf Distanz.

Auftritt des „Girls“ aus dem Titel: Naïm, ein junger Moslem-Transvestit, mit dem Simon sich auf einen One-Night-Stand einlässt – oder zumindest glaubt er das. Als Simons Mutter Bella, eine Auschwitz-Überlebende voller Lebenslust, aber mit einem schwachen Herzen, zu ihm zieht, um zu genesen, schmuggelt sich Naïm als Bellas Pflegerin Habiba ins Haus. Dann kommt auch noch Simons jüdisch-orthodoxe Ex-Frau mit dem Sohn, den er noch nie gesehen hat, nach Paris, und der meshugaas (Wahnsinn) beginnt.

Regisseur und Co-Autor Jean-Jacques Zilbermann mixt großzügig jüdische Themen mit politischen Aufregern aller Art: sexuelle Orientierung, Geschlecht, Religion, Abstammung, nur zu! Paris‘ „Château rouge“, ein Immigranten-Viertel mit einer wilden Mischung von Sprachen, Rassen, Religionen und Küchen, bildet die Kulisse.

Behalten Sie Newcomer Mehdi Dehbi im Auge. Sein Naïm/Habiba bringt einen zum Lachen, verlangt Respekt, bricht einem das Herz und stiehlt die Show.
Kaj Wilson

DEUTSCHLANDPREMIERE, Kino Arsenal, Sonntag 25. April, 20 Uhr
LEAP OF FAITH
Dokumentarfilm, Regie: Stephen Z. Friedman, Antony Benjamin, USA 2009, 95 min., OmU
Gäste: Stephen Z. Friedman und Antony Benjamin

Was bringt Leslie, ein 25-jähriges New Yorker Kindermädchen aus Trinidad, das in einer liebevollen und charismatischen christlichen Familie aufwuchs, dazu, eine orthodoxe Jüdin zu werden? Wie weit werden die Bowsers, ein älteres Paar, das bislang zu den Baptisten in Kansas gehörte, gehen, um zu konvertieren? Welche Schritte muss die Familie Shurleff unternehmen, um sich den orthodoxen Juden in Denver anzuschließen, nachdem sie dem amerikanischen Traum von einem großen Eigenheim und einem entsprechend hohen Einkommen abgeschworen haben? Kann Alana, Reserveoffizierin der US-Army und alleinerziehende Mutter, mit nur geringer Unterstützung ihrer Familie und der unmittelbaren Umgebung erfolgreich konvertieren?

LEAP OF FAITH begleitet die Protagonisten auf ihrem Weg der Konvertierung vom Christentum zum orthodoxen Judentum. Das macht es ihnen nicht leicht. Nicht nur ist es an sich keine missionarische Religion, die Rabbis überprüfen auch immer wieder die Ernsthaftigkeit der Neumitglieder. Zu konvertieren verlangt absolute Entschlossenheit, erschüttert die Grundfesten der eigenen Identität und kann ganze Familien zerreißen.

Gott segne Amerika, wo die Religionsfreiheit gleichauf ist mit der Freiheit, sich selbst neu zu erfinden. Diese faszinierenden Stories sind so typisch amerikanisch wie Apple Pie, aber die Fragen, die sie aufwerfen, betreffen uns alle: Es geht um Glauben, Toleranz, Gemeinschaft - und die Suche nach einem Sinn.
Kaj Wilson

BERLINER ERSTAUFFÜHRUNG, Kino Arsenal, Montag 26. April, 18 Uhr
LA CÁMARA OSCURA
Spielfilm, Regie: María Victoria Menis, Argentinen 2008, 85 min., OmeU/dt. eingesprochen

1892 verlassen russisch-jüdische Immigranten in Buenos Aires ein Schiff. Noch auf dem Landungssteg, kurz vor dem Dock, bringt eine Frau ein Mädchen zur Welt. So beginnt dessen Leben als Außenseiterin. Gertrudis wird von ihrer Mutter beiseite geschoben, der die schlichte, tollpatschige Tochter ganz offensichtlich peinlich ist, und sie wächst zu einer höchst unsicheren Frau heran. Daran ändert sich auch nichts, als sie einen wohlhabenden jüdischen Farmer heiratet und fünffache Mutter wird. Mit einer reichen Fantasie gesegnet, genießt Gertrudis in Stille und Einsamkeit die Schönheit der Welt um sie herum. Mit der Ankunft eines umherreisenden französischen Fotografen beginnt ihr Selbstbild sich zu wandeln.

La Cámara Oscura ist die schmerzhaft schöne, nachdenkliche Zeichnung jüdischer Immigranten, die sich Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in der Pampa Argentiniens niederließen. Villa Clara, wo der Film spielt, wurde 1890 in der Provinz Entre Rios erbaut, einer von mehreren landwirtschaftlichen Siedlungen von Maurice de Hirschs Jewish Colonization Association of Paris. Die Einwohner, vor allem jüdische Immigranten auf der Flucht vor russischen Pogromen, wurden als jüdische Gauchos (Cowboys) bekannt.
Kaj Wilson

BERLINER ERSTAUFFÜHRUNG, Kino Arsenal One, Montag, 26. April, 20 Uhr
ROOM AND A HALF
Essayfilm, Regie: Andrey Khrzhanovskiy, Russland 2009, 130 min., OmeU/dt. eingesprochen

Das Spielfilm-Debüt des erfahrenen Animateurs und Dokumentarfilmers Andrey Khrzhanovsky ist ein lyrisches Meisterwerk mit Bildern aus dem Leben des mit dem Nobelpreis ausgezeichneten russischen Dichters Joseph Brodsky. Khrzhanovsky verwebt geschickt die erfundene Geschichte des anonymen Besuches eines älteren, im Exil lebenden Brodsky in seiner Heimatstadt St. Petersburg mit der Story von dessen Aufwachsen als Einzelkind in der sich rasant verändernden Ära nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit seiner kinematografischen Alchemie aus Musik, Animation und Drama verneigt sich der Regisseur zudem vor der Literatur und erschafft Brodsky zu Ehren eine eigene filmische Version von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Als junger Mann – noch zu Zeiten des repressiven Sowjetregimes – erklärte Brodsky, Russland werde frei sein, wenn die Prawda Proust druckt. Selten wurde St. Petersburg so wundervoll dargestellt wie in diesem nostalgischen Lobgesang auf die Kindheit und eine Sowjetunion, die ihre Dichter und Autoren liebte. Wie inspiriert durch Fellini und Tarkowski finden sich in diesem außergewöhnlichen Film sprechende, von Hand gezeichnete Katzen, und ein wunderbarer Moment zeigt den animierten, fliegenden Exodus von Musikinstrumenten aus jüdischen Wohnungen in St. Petersburg, deren Bewohner jedoch von der Schwerkraft in den von Stalin beherrschten Straßen festgehalten werden.
Nancy K. Fishman

DEUTSCHLANDPREMIERE, Kino Arsenal, Dienstag 27. April, 18 Uhr
ANDRÉ PREVIN – EINE BRÜCKE ZWISCHEN DEN WELTEN
Dokumentarfilm, Regie: Lillian Birnbaum, Peter Stephan Jungk, Österreich 2009, 52 min. OF dt./englisch mit dt. UT
Gäste: Lillian Birnbaum und Peter Stephan Jungk

Der am 6. April 1929 in Berlin geborene Sir André Previn zählt zu den bedeutendsten Musikerpersönlichkeiten unserer Zeit. Er war nicht nur vierfach Oscar-prämiierter Filmkomponist, er ist darüber hinaus Konzert- und Opernkomponist, Dirigent, Arrangeur, Orchesterchef, Pianist und Jazzmusiker in einer Person. Der Film spiegelt Sir Andrés Verbundenheit mit zwei Welten wider, stellt einen Künstler vor, der sowohl die amerikanische, als auch die europäische Kultur verkörpert. Zugleich erzählt er von seiner Liebe zu der berühmten Violinistin Anne-Sophie Mutter. Ihretwegen kehrte er nach über sechzig Jahren aus dem amerikanischen Exil nach Europa zurück. Für sie schrieb er das romantisch-lyrische Violinkonzert Anne-Sophie, das 2005 mit einem Grammy ausgezeichnet wurde.
Nicht als Frage-und-Antwort-Spiel konzipiert, führt André Previn den Zuschauer vielmehr durch Stationen seiner Lebensgeschichte, macht uns mit Menschen bekannt, die ihm wichtig waren und sind, neben Anne-Sophie Mutter sind dies u.a. die einstige Ehefrau Mia Farrow, der Dramatiker Tom Stoppard, die berühmte Sopranistin Renée Fleming, sowie seine Söhne Lukas, ein Rockmusiker und Fletcher.
ANDRÉ PREVIN – EINE BRÜCKE ZWISCHEN DEN WELTEN von Lillian Birnbaum und Peter Stephan Jungk porträtiert den 1929 in Berlin geborenen, weltberühmten Komponisten, Musiker, Dirigenten und vierfachen Oscar-Preisträger André Previn. Dabei wird der Ausnahme-Künstler unter anderem von seinen beiden Ex-Frauen Mia Farrow und Anne-Sophie Mutter sowie seinen Söhnen aus verschiedenen Ehen interviewt. Darüber hinaus zeigt der Film wunderbare Ausschnitte aus seinem reichen künstlerischen Schaffens der vergangenen Jahrzehnte.
Peter Stephan Jungk

DEUTSCHLANDPREMIERE, Kino Arsenal, Dienstag 27. April, 20 Uhr
HAPPY END
Spielfilm, Regie: Frans Weisz, Niederlande 2009, 90 min., OmU
Gast: Regisseur Frans Weisz

Frans Weisz schuf eine einnehmende Saga miteinander verwobener Beziehungen unter mehreren Generationen niederländischer Juden, deren Familien den Zweiten Weltkrieg überlebt haben. Patriarch Simon liegt im Sterben, aber noch hat er alles fest im Griff. Seine Familie und seine Freunde versammeln sich, um ihm Trost zu spenden und zu klären, was zu tun ist, wenn er nicht mehr selbst entscheiden kann. In einer Mischung aus ernsthaften Betrachtungen über die generationsübergreifende Auswirkungen des Holocaust auf die Familienmitglieder und ihren Wünschen und Träumen – die sie dem komatösen Simon zum Teil unverschämt detailliert schildern – erschafft der Regisseur ein intimes Abbild niederländisch-jüdischen Lebens. Der dritte Teil seiner epischen Trilogie (Polonaise entstand 1989, Qui Vive 2001) zeigt die Kinder der Überlebenden, die sich auseinandersetzen müssen mit der Sterblichkeit ihrer Eltern, dem schwelenden Verlangen nach alten Liebschaften und schmerzenden Familiengeheimnissen. Die schlichte Tatsache der nachfolgenden Generation, von ihren Alltagsproblemen bis zu ihren größten Wünschen, verleiht Simons Aussage Substanz, dass „eine Stunde auf der Erde mehr wert ist als eine Ewigkeit unter der Erde“.
Nancy K. Fishman

AHEAD OF TIME
© Fotos & Trailer: REEL INHERITANCE FILMS
DEUTSCHLANDPREMIERE, Kino Arsenal, Mittwoch 28. April, 18 Uhr
AHEAD OF TIME
Dokumentarfilm, Regie: Bob Richman, USA 2009, 73 min., OF
Gäste: Produzentin Zeva Oehlbaum (New York) und Celia Michaels (London), Tochter von Ruth Gruber

Ruth Gruber, 97, arbeitete siebzig Jahre lang als hervorragende Journalistin und Autorin. Sie katapultierte sich aus Brooklyn direkt in die Weltpolitik und begleitete einige der wichtigsten Weichenstellungen in der jüngeren Weltgeschichte, vor allem auch der jüdischen Geschichte. Als Oberschülerin begeisterte sie sich für die deutsche Kultur und erhielt ein Stipendium an der Universität Köln, wo sie im Alter von nur zwanzig Jahren zur weltweit jüngsten Trägerin eines Doktortitels wurde. Unbeeindruckt durch die Tatsache, dass Journalisten damals fast ausschließlich Männer waren, bahnte sie sich hartnäckig ihren Weg und zeichnete sich zugleich durch eine ungeheuere Fähigkeit zur Empathie aus, die sich in all ihren Interviews zeigte. Ihre äußerst menschlichen Berichte zogen das Augenmerk der Welt auf die Nürnberger Prozesse, die Irrfahrt des Schiffs Exodus 1947, die Treffen der Vereinten Nationen in Palästina und die Gründung des Staates Israel. Sie berichtete im Übrigen nicht nur über aktuelle Ereignisse, sie hatte auch an ihnen teil: 1944 verpflichtete sie die Regierung Roosevelt im Rahmen eines streng geheimen Kriegseinsatzes als Begleiterin von 1000 Holocaust-Flüchtlingen aus Neapel nach New York. Gruber zeigt sich in dieser handwerklich ausgezeichneten Dokumentation voll faszinierender Archivaufnahmen gleichermaßen fesselnd amüsant und nachdenklich.
Nancy K. Fishman

Kino Arsenal, Mittwoch 28. April, 20 Uhr
USED PEOPLE
Spielfilm, Regie: Beeban Kidron, USA 1992, 115 min., OF

Queens, New York, 1969. Am Tag der Beerdigung ihres Mannes erfährt Pearl Berman (Shirley MacLaine), dass sie einen geheimen italienischen Verehrer hat (Marcello Mastroianni), der sie seit 23 Jahren aus der Ferne liebt. Und als wäre die Verbindung von MacLaine und Mastroianni noch nicht genug, besticht dieses berührende 1992er-Juwel über die zweite Liebeschance einer jüdischen Frau mittleren Alters durch großartige Nebendarsteller wie Kathy Bates und Marcia Gay Harden als Pearls disfunktionale Töchter, Jessica Tandy als ihre Mutter und Sylvia Sidney als die langjährige beste Freundin der Mutter.

Niemand spielt schwierige Mütter besser als Shirley MacLaine. Äußerlich knallhart und scharfzüngig ist Pearl nicht die stereotyp manipulative, gluckenhafte jüdisch-amerikanische Mutter, die ihren Kindern ewig zum Vorwurf macht, was sie alles für Opfer brachte. Sie steht eher für einen Muttertyp aus der Depressionszeit: eine emotional reservierte, handfeste und oft frustrierte Hausfrau, die sich um ihre Kinder weder so kümmerte noch sich so mit ihnen anfreundete, wie es heutzutage üblich ist. Pearl reiht sich mit MacLaines Aurora Greenway (Zeit der Zärtlichkeit, 1983) und Doris Mann (Grüße aus Hollywood, 1990) ein in die Hall of Fame der beinharten Mütter.
Kaj Wilson

DEUTSCHLANDPREMIERE, Kino Arsenal, Donnerstag 29. April, 18 Uhr
FIVE HOURS FROM PARIS (CHAMESH SHAAOT ME PARIS)
Spielfilm, Regie: Leonid Prudovsky, Israel 2009, 90 min., OmeU/dt. eingesprochen

Yigal und Elena begegnen sich in einem Arbeiter-Vorort Tel Avivs. Er ist gebürtiger Israeli, sie eine russische Immigrantin. Er ist Taxifahrer, sie Musiklehrerin. Er ist geschiedener, alleinerziehender Vater, sie verheiratet. Er hat begrenzte Ambitionen, sie hat sich ihre längst abgeschminkt. Er hat Flugangst, sie fliegt bald davon. Beide lieben französische Chansons. Wie groß ist die Chance auf ein Happy-End? Der stille Charme des Films, sein zarter Rhythmus und die Chemie zwischen den Hauptdarstellern Dror Keren (Yael) und Elena Yaralova (Elena) ergeben eine unwiderstehliche Romanze. Vladimir Friedman ist in einer Nebenrolle als Elenas Ehemann zu sehen – ein Urologe, der davon träumt, nach Kanada auszuwandern.
Gezeigt auf dem letztjährigen Toronto International Film Festival und Gewinner des Preises als bester israelischer Spielfilm beim Haifa International Film Festival 2009 stellt Five Hours from Paris das beeindruckende Spielfilmdebüt von Regisseur Leon Prudovsky dar, der in Russland geboren wurde und als Kind nach Israel kam.
Kai Wilson

FILM & PERFORMANCE   WELTURAUFFÜHRUNG, Kino Arsenal, Donnerstag, 29. April, 20 Uhr
ESTHER & ME
Dokumentarfilm, Regie: Lisa Geduldig, USA 2010, 31 min., OF
Gäste: Lisa Geduldig (USA) and Shazia Mirza (London)

Anschl.: Live-Comedy-Performance mit Lisa Geduldig und Shazia Mirza

Esther Weintraub, ehemaliges Model, ist mittlerweile kratzbürstige Bewohnerin eines jüdischen Altenheims in San Francisco. Sie ist zudem Stand-Up-Komikerin, die mit den Jahren zur „Sit-Down-Komikerin“ wird. Esther begann ihre Bühnenkarriere als Geigerin im jüdischen Mandolinen-Orchester in Kanada und zog als Teenager nach New York, wo sie erfolgreich als Model arbeitete. Mittlerweile ist Esther Großmutter und freundet sich an mit Lisa Geduldig, einer lesbischen jüdischen Komikerin und Comedy-Produzentin, die mit ihr Witze reißt und sie ins Theater begleitet, unter anderem in eine Drag-Show. Trotz des Altersunterschiedes von fast 50 Jahren sind Esther und Lisa sich erstaunlich ähnlich, Esther stellt erkennbar begeistert fest: „Wir haben denselben kranken Humor!“ Lisa lockt Esther mit 87 Jahren noch einmal zu einem von ihr produzierten Auftritt auf die Bühne zurück: Für Funny Girlz: A Smorgasbord of Women’s Humor erntet Esther standing ovations.

Die Debüt-Regisseurin Lisa Geduldig fängt die Essenz der generationsübergreifenden Kameraderie mit Humor und viel Gefühl ein. Esther & Me zeugt vom kraftvollen Zauber gemeinsamen Lachens.
Nancy K. Fishman

THE YANKLES
© Fotos & Trailer: Brooks
DEUTSCHLANDPREMIERE, Kino Arsenal, Samstag 1. Mai, 22 Uhr
THE YANKLES
Spielfilm, Regie: David R. Brooks, USA 2010, 115 min., OF
Gäste: Regisseur David R. Brooks und Produzent Zev S. Brooks

Wenn Sie schon immer nach einem Film sehen wollten, der die Liebe zur Torah mit der Liebe zu Baseball vereint, dann wird Sie diese pfiffige Komödie über eine aufstrebende jüdisch-orthodoxe Baseballmannschaft begeistern. Und sogar wer Sport nicht ausstehen kann, wird an David und Zev Brooks‘ Spielfilm Spaß haben. Das Debüt der Brooks-Brüder handelt von einem weisen Rebbe und einem bösen College-Sportveranstalter – und bezieht deutlich Position zugunsten von Vielfältigkeit und Toleranz sowohl innerhalb der jüdischen Gemeinschaft als auch in der Welt des Sports. Als Profi-Baseballspieler Charlie Jones nach mehreren betrunkenen Autofahrten dazu verurteilt wird, 192 Stunden Sozialdienst zu leisten, übernimmt er notgedrungen das Training der orthodoxen Jeschiwa-Baseballmannschaft, „Yankles“ genannt. Charlie ist nicht wild darauf, die Jungs mit den Schläfenlocken zu coachen, aber ihr Mannschaftsgeist und sogar ihre religiösen Überzeugungen erweisen sich als ansteckend. Seine Ex-Frau hilft ihm, den Job dingfest zu machen, und indem Charlie sich seinen Dämonen stellt, erarbeitet er sich vielleicht sogar noch eine zweite Chance bei ihr.
Nancy K. Fishman

OFF AND RUNNING
© Fotos & Trailer: Nicole Opper Productions
DEUTSCHLANDPREMIERE, Kino Arsenal II, Sonntag 2. Mai, 16 Uhr
OFF AND RUNNING
Dokumentarfilm, Regie: Nicole Opper, USA 2009, 76 min., OF

Die jüdische Lesbe Tova Klein wurde in Israel geboren und zog dann nach Brooklyn, wo sie in einer jüdisch-orthodoxen Familie aufwuchs. Sie verliebte sich in Travis Cloud und die beiden adoptierten drei Kinder: Avery, Rafi und Zay-Zay. Als Avery in die Pubertät kommt, stößt die für ihr Alter typische Identitätssuche auf zusätzliche Probleme, weil sie eine junge schwarze Frau in einer weissen, zudem lesbischen jüdischen Familie ist. „Fühlst du dich schwarz?“, fragt ein Therapeut Avery Klein-Cloud. Sie antwortet ehrlich: „Ich weiß nicht, was das heißt.“ Avery möchte mehr Zeit mit ihren afro-amerikanischen Freunden und ihrem Freund verbringen, sie will ein kulturelles Milieu erkunden, das ihr zu Hause fehlt. Als Avery versucht, Kontakt zu ihrer biologischen Mutter aufzunehmen, entsteht emotionaler Aufruhr in der gesamten Adoptivfamilie. Die Suche nach ihren Wurzeln ist ihr ein Grundbedürfnis, stärker noch als ihr Talent als begabte Leichtathletin. Nicole Oppers ausgezeichnete Dokumentation beschäftigt sich mit der eigenen Abstammung, dem Erwachsenwerden und der herzzerreißenden Suche einer jungen Afro-Amerikanerin, die in einem fortschrittlichen jüdischen Haushalt groß wurde, nach sich selbst.
Nancy K. Fishman

ROMEO AND JULIET IN YIDDISH
© Fotos & Trailer: Eve Annenberg
WELTURAUFFÜHRUNG, Kino Arsenal One, Sonntag 2. Mai, 18 Uhr
ROMEO AND JULIET IN YIDDISH
Spielfilm, Regie: Eve Annenberg, USA 2010 91 min. OF Jidd./ engl. mit engl. UT
Gäste: Regisseurin Eve Annenberg und Schauspieler Lazer Weiss, Malky Weisz, Mordechai Zafir

„Was ist ein Name?
Was uns Rose heißt,
Wie es auch hieße,
Würde lieblich duften“.
Das sagt Julia – auf Jiddisch – in Eve Annenbergs innovativem, Shakespeare-durchdrungenen Drama über ehemals orthodoxe Männer, die Ava, einer Jiddisch-Schülerin, ihre Kenntnisse zur Verfügung stellen. Der zwanzigjährige Laser aus Brooklyn finanziert gemeinsam mit seinem Kumpel Mendy Essen und Drogen durch Kleindiebstähle. Von ihren Familien und ihrer Gemeinschaft abgeschnitten, sprechen sie den starken Akzent der ultraorthodoxen Satmer-Sekte, in der Jiddisch Muttersprache ist. Ava, eine Krankenschwester in der Notaufnahme, lernt für einen Master-Abschluss in Mameloschen, eben jener Muttersprache. Sie liebt Jiddischkeit, aber nicht das Orthodoxe. Als sie sich vornimmt, Romeo und Julia ins Jiddische zu übersetzen, empfiehlt ihr ein Satmer-Krankenwagenfahrer, die beiden Kleingauner Laser und Mendy um Hilfe zu bitten. Es gibt nur ein kleines Problem: Die beiden haben noch nie von Shakespeare gehört. Als sie beginnen, das archaische Stück zu „modernisieren“ und auszuagieren, geraten die jungen Männer verzückt in seinen Bann. Annenbergs rundum bezaubernde Meditation auf das Leben und die Liebe in New York führt zu einer Annäherung zwischen der säkularen und der ultraorthodoxen Welt.
Nancy K. Fishman

ULTIMATUM
© Fotos & Trailer: Kinology
DEUTSCHLANDPREMIERE, Kino Arsenal, Sonntag 2. Mai, 20 Uhr
ULTIMATUM
Spielfilm, Regie: Alain Tasma, Frankreich/Israel 2009, 102 min., OmeU/dt. eingesprochen

Die französische Jüdin Luisa lebt und studiert 1991 in Jerusalem, jener Zeit der Bombendrohungen Iraks. Ihr gutaussehender Freund Nathanael verliert sich in seiner Malerei und düsteren Stimmungen. Luisas beste Freundin Tamar ist schwanger und sorgt sich, dass ihr Mann, der Radio-Reporter Gil (Lior Ashkenazi), im Sender sein wird, wenn die Raketen fallen. Tamars Mutter (Hana Laszlo) glaubt, die Entbindung ihrer Tochter vorauszuahnen und fährt mit aufgesetzter Gasmaske aus Haifa nach Jerusalem. Der Film basiert auf Valérie Zenattis gleichnamigem Roman aus dem Jahr 2006, und zu den weiteren Figuren gehören Luisas Boss Amos (Tzahi Grad) mit seinem frisch gebrochenen Herzen, Nathanaels palästinensischer Freund Hadj, der versucht, eine Gasmaske zu besorgen und Luisas Nachbarin Mrs. Finger-Mayer, eine Holocaust-Überlebende, die nicht ganz sicher ist, in welchem Krieg sie sich eigentlich gerade befindet. Alain Tasmas breit angelegtes Drama spiegelt die Anspannung nach den irakischen Raketenangriffen auf Israel. Die Einschläge illuminieren die scharfen Kanten im Leben der Protagonisten und rücken die trivialen Sorgen des Alltags in den Schatten. So entsteht ein deutliches Relief der wichtigen Bindungen von Familie und Freunden sowie des Willens, zu überleben.
Nancy K. Fishman

TOGETHER ALONE
© Fotos & Trailer: Lucy Kaye
Kino Arsenal, Montag 3. Mai, 18 Uhr
TOGETHER ALONE
Kurzfilm/Doku, Regie: Lucy Kaye, UK 2009, 32 min., OF

Lily, Cyril, Rose, Hannah und Bleemar sind in den Neunzigern und leben allein in London. Um die Jahrhundertwende kamen über 120.000 jüdische Immigranten ins Londoner East End – diese fünf gehören zu den letzten Überlebenden. Das Leben dieser resoluten Senioren ist oft von Einsamkeit geprägt, doch Lucy Kayes Film dokumentiert vor allem ihren Humor und Optimismus. Tägliche Rituale – vom Auftragen des Lippenstiftes bis zum Anhören einer Oper – durchbrechen den stillen Rhythmus ihrer Welt. Vielleicht das wichtigste der Rituale ist das Teetrinken, mit bewundernswerter Tapferkeit verkündet einer dieser grundsoliden East-Ender ungerührt: „Wir leben noch, also trinken wir ein Tässchen Tee.“ Die Kamera ruht auf sich im Wind blähenden Vorhängen und wunderbaren Jugendfotos der Protagonisten, von Hochzeitsbildern bis zu den Muskelpaketen eines ehemaligen Gewichthebers. Für alle, die den Bombenhagel auf London überlebten, ist der Zweite Weltkrieg ein entscheidender Einschnitt. Schwer zu sagen, ob ihr Durchhaltevermögen darin begründet liegt, dass sie Juden sind, oder Briten, oder dass sie schon die Neunzig erreicht haben – vielleicht liegt es auch daran, dass sie lachen und tanzen, wenn sie sich treffen.
Nancy K. Fishman

Lucy Kaye, geboren in London, studierte an der britischen National Film and Television School, war Produktionsassistentin in New York und arbeitete bei zwei erfolgreichen BBC-Dokumentationen als Produktionsassistentin von Regisseur Marc Isaacs. Derzeit beschäftigt sie sich mit der Entwicklung verschiedener neuer Formate für das britische Fernsehen.

DER KLEINE ZALAM
© Fotos & Trailer: Julia Tal
BERLINER ERSTAUFFÜHRUNG, Kino Arsenal, Montag 3. Mai, 18 Uhr
DER KLEINE ZALAM
Dokumentarfilm, Regie: Julia Tal, Deutschland 2009, 64 min.,
Gäste: Regisseurin Julia Tal

Als Hitler 1933 an die Macht kam, war es für den Kameramann Walter Kristeller in Berlin zu Ende. Er packte seine Film- und Fotoapparate und machte sich auf den Weg nach Palästina. Während viele seiner Arbeitskollegen bei der UFA Babelsberg ihr Glück in Amerika suchten, verkündete Walter überraschend, er werde dorthin gehen, wo er als Jude hingehöre – nach Palästina.
75 Jahre später macht sich die Filmemacherin Julia Tal auf die Suche nach dem Werk ihres Großvaters. Israel feiert in diesem Jahr sein 60jähriges Bestehen. Mit Hilfe erhaltener Dokumente und Zeitzeugen folgt sie der Spur seiner Filme. Von den Ideen der Pioniere ist nur wenig erhalten geblieben und auch Walters Legende erscheint in einem anderen Licht. Sein Werk ist untrennbar mit der Entstehung des Staates Israel verbunden und statt mit seinen Filmen setzt sich die Filmemacherin immer stärker mit den Konflikten auseinander, deren Ursprünge bis in Walters Zeit zurückreichen.
Julia Tal

SAYED KASHUA – FOREVER SCARED
© Fotos & Trailer: Contes
DEUTSCHLANDPREMIERE, Kino Arsenal, Montag 3. Mai, 20 Uhr
SAYED KASHUA – FOREVER SCARED
Dokumentarfilm, Regie: Dorit Zimbalist, Israel 2009, 53 min., OmeU/dt. eingesprochen

„Ich habe Angst vor Autos, Hunden, Schlangen; ich habe Angst vor Flugzeugen, Hubschraubern, Panzern und Soldaten. Ich habe Angst vor Terroranschlägen. Ich habe Angst vor Juden, ich habe Angst vor Arabern, ich habe Angst, dass sie uns eines Tages in Flüchtlingslager stecken.“ (Sayed Kashua, Haaretz, 2002).
Sayed Kashua hat stets das Gefühl, nicht richtig dazu zu gehören. Die Juden mögen ihn nicht, weil er Araber ist. Die Araber mögen ihn nicht, weil er erfolgreich ist. Die Araber halten ihn für einen Kollaborateur. Die Juden für einen Alkoholiker. Er gilt immer als „anders“ – und hat immer Angst. SAYED KASHUA – FOREVER SCARED begleitet Kashua, einen israelisch-arabischen Schriftsteller und Drehbuchautor, sieben Jahre lang durch die Wirren und Ereignisse seines Lebens. Es ist ein persönliches und doch politisches Porträt eines Autors, Ehemannes und zweifachen Vaters. Die Familie zahlt einen hohen Preis für die Entscheidungen, die Kashua trifft, für sein ständiges Wechseln von Ort zu Ort, von Volk zu Volk, seine mangelnde Zugehörigkeit da wie dort.
2008 eröffnete das Jewish Filmfestival Berlin mit der beliebten israelischen TV-Serie Arab Work nach Drehbüchern Sayed Kashuas, der dafür extra nach Berlin reiste. Seine Bücher Tanzende Araber und Da ward es Morgen wurden in Deutschland beim Berlin Verlag veröffentlicht.
Nancy K. Fishman

THE WORST COMPANY IN THE WORLD
© Fotos & Trailer: Contes
DEUTSCHE ERSTAUFÜHRUNG, Kino Arsenal, Montag 3. Mai, 20 Uhr
THE WORST COMPANY IN THE WORLD
Dokumentarfilm, Regie: Regev Contes, Israel 2009, 50 min., OmeU/ dt. eingesprochen

Liebe und Humor sind reichlich zu finden, aber die Geschäfte laufen schlecht in Regev Contes‘ Dokumentation über eine kleine israelische Versicherungsagentur, die sein Vater zugrunde richtet. Carol (Regevs Vater) ist ein Immigrant aus der Tschechoslowakei, er leitet die Firma gemeinsam mit seinem Bruder Latzi, dessen Fähigkeit, Kartoffeln mit Butter zu kochen weit größer ist als sein geschäftliches Talent. Der dritte Mitarbeiter ist Moishe, ein alter Freund, der mindestens ebenso viel Zeit damit verbringt, auf der Couch zu dösen, wie mit dem Office-Management. Ständig kurz vor dem Bankrott stellt die Agentur dennoch das soziale Netz dieser drei geschiedenen Single-Männer dar, die zusammen lachen und Marshmallow-Pies essen. Sie sind intelligent, gebildet und gutmütig, haben aber nicht die geringste Ahnung, wie man erfolgreich Geschäfte macht. Regisseur Regev Contes bringt sich wortwörtlich in die Firma – und den Film – ein in dem Bemühen, die Effizienz der Firma zu steigern. Aber der Widerstand, auf den er trifft, ist zäher als Marshmallow-Pie. Dieses preisgekrönte und sehr persönliche Werk (Mayor of Tel-Aviv-Yaffo Award für einen „jungen und vielversprechenden Filmemacher“ beim DocAviv Festival in Tel Aviv) dokumentiert ein komplettes Steuerjahr und untersucht zugleich die Feinheiten einer Vater-Sohn-Beziehung.
Nancy K. Fishman

QUEEN OF JERUSALEM
© Fotos & Trailer: Dothan
DEUTSCHE ERSTAUFÜHRUNG, Kino Arsenal, Dienstag 4. Mai, 18 Uhr
QUEEN OF JERUSALEM
Dokumentarfilm, Regie: Dani Dothan, Dalia Mevorach, Israel 2009, 75 min., OmU
Gäste: die Regisseure Dani Dothan & Dalia Mevorach

Der bekannte Sänger, Filmemacher und ehemalige bad boy Dani Dothan richtet seine Kamera auf seine Mutter, Professor Trude Dothan, 86, die First Lady der israelischen Archäologie. So entstand eine außergewöhnliche und sehr persönliche Dokumentation, die sich mit den komplexen Gefühlen auseinandersetzt, welche in den letzten Lebensjahren eines Elternteils so aufkommen. Dani bemüht sich, seine eigenen Verletzungen in Einklang zu bringen mit der Verwundbarkeit seiner Mutter, einer Frau, die Schwäche verabscheut. Seine Erzählung beginnt mit den Worten: „Als kleiner Junge dachte ich, meine Mutter sei eine Königin. Sie verfügte über ein blendendes Lächeln, den kalten Glanz und eine strenge Stimme.“ Wir Zuschauer müssen Danis Bericht über seine Mutter in Einklang bringen mit der öffentlichen Person Trude Dothan, Trägerin des Israel-Preises und weltbekannte Archäologin, die der Film ebenfalls zeigt. Als ein Sturz sie für ein Jahr ans Haus fesselt, zieht Dani bei ihr ein und beschließt, das Leben seiner Mutter „auszugraben“. Trudes Wohnung wird zu einem verführerischen Universum, in dem die Funde ihrer kunstinteressierten Wiener Eltern auf Objekte von Banausen treffen – die, wie Trude anmerkt, gar nicht so unkultiviert waren.

Nancy K. Fishman

MODUS OPERANDI

MODUS OPERANDI
Dokumentarfilm,Regie: Hugues Lanneau, Belgien 2008, 98 min., OmeU

Gast: Produzent Willy Perelsztejn, Brüssel

Zwischen 1942 und 1944 wurden 24.916 Juden von Belgien nach Auschwitz deportiert. Nur 1.206 kehrten zurück. Das Verhalten der belgischen Behörden, das von Widerstand bis zu expliziter oder unbeabsichtigter Kollaboration reichte, steht im Mittelpunkt dieser filmisch hervorragenden Dokumentation.

A FILM UNFINISHED
© Fotos & Trailer: Belfilm
Kino Arsenal, Dienstag 4. Mai, 20 Uhr
A FILM UNFINISHED
Dokumentarfilm, Regie: Yael Hersonski, Israel 2009, 88 min., OmU
Gast: Produzent Itay Ken-Tor

Zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges entdeckten Archivare eine Reihe Filmdosen der Nazis, darunter auch den Rohschnitt eines Films über das Warschauer Ghetto im Jahre 1942. Die Aufnahmen wurden als historisch korrekt eingestuft und somit zur Quelle für Archive und Dokumentarfilmer. Der Nazi-Film arbeitet mit Extremen: Szenen entsetzlichen Elends, großer Qualen und des Todes kontrastieren mit Aufnahmen von wohlbetuchten, wohlgenährten Juden, die tafeln und tanzen. Die Nazis „dokumentierten“ zudem eine Beschneidung, Besuche eines rituellen Bades und andere jüdische Bräuche. Doch die meisten der Szenen waren gestellt. Das beweisen eine Spule mit Verschnitt, die Jahre später gefunden wurde, ebenso wie Auszüge aus Tagebüchern von Bewohnern des Ghettos, Berichte Überlebender des Warschauer Ghettos und die Aussage eines Nazi-Kameramannes, der an dem Propagandafilm mitgearbeitet hatte. Yael Hersonski verwebt filmische Fundstücke, Verschnitt, Berichte und Begleitkommentare zu einem beeindruckenden, verblüffenden Werk, das in sich einen Akt des Widerstands darstellt gegen die kamerabesessenen Nazis und alle, die mit Hilfe der Filmkunst das Böse förderten.
Kaj Wilson

ZUM 65. JAHRESTAG DES KRIEGSENDES VON MAI 1945
Kino Arsenal, Mittwoch 5. Mai, 18 Uhr

WOHIN UND ZURÜCK, TEIL 1 „AN UNS GLAUBT GOTT NICHT MEHR“
Spielfilm, Regie: Axel Corti, Österreich 1982, 110 min.
Einführung: Georg Stefan Troller

Wien 1938: Die „Kristallnacht“ ist vorüber und ältere jüdische Frauen fegen das zerbrochene Glas zusammen. Mit dieser Szene setzt Axel Corti den Ton für seine mitreißende Trilogie WOHIN UND ZURÜCK: er zeigt in seinen Filmen nicht die großen Dramen einer grausamen Zeit, sondern wie die Grausamkeit den Alltag prägt. Als Ferry Tobler (Johannes Silberschneider), der Sohn eines ermordeten Schneiders, feststellt, dass seine Wohnung geplündert wurde, wagt er zusammen mit anderen die Flucht nach Prag. Unterwegs schließt er sich mit ähnlich Verzweifelten zusammen: „Gandhi“ (Armin Mueller-Stahl), der den Nazis Widerstand leistete und aus Dachau floh, und Alena (Barbara Petritsch), Mitarbeiterin eines Flüchtlingskomitees. In wundervoll komponierten Schwarzweiß-Aufnahmen, die perfekt zu Archivaufnahmen passen, macht Cortis erster Teil der Trilogie die Emotionen der Menschen fühlbar, die vor den Kampfstiefeln der Geschichte flohen.
Steve Seid

ZUM 65. JAHRESTAG DES KRIEGSENDES VON MAI 1945
Kino Arsenal, Mittwoch 5. Mai, 20 Uhr

WOHIN UND ZURÜCK, TEIL 2 „SANTA FÉ“
Spielfilm, Regie: Axel Corti, Österreich 1986, 110 min.
Einführung: Georg Stefan Troller

New York 1941: Wir verlassen nun Ferry Tobler, während der besorgte Flüchtling Freddy Wolff (Gabriel Barylli) den Landungssteg eines Schiffes herunterkommt, nur um in die Wirren einer ungewollten Immigration verwickelt zu werden. Wie ein Nachkomme Karl Mays sehnt sich Freddy nach den einsamen Weiten des Wilden Westens und hat bereits ein Zugbillet nach Santa Fe bei sich, doch diese Strecke wird er nie fahren. Stattdessen avanciert die Skyline Manhattans zu seinen Berggipfeln und die Emigrantengemeinschaft zu seiner Grenzstadt. Die anderen Flüchtlinge sind verwirrt durch die quälende Situation: ein älterer Dichter führt einen Deli, ein begabter Chirurg ist arbeitslos, ein Theaterschauspieler gibt im Radio Tiergeräusche von sich und Freddy endet im Nähzimmer eines Hutmachers. Jeder hat verführerische Träume von seinem Santa Fe, doch in Cortis historisch gesichertem Film ist es der unerbittliche Überlebensstress, der dagegen steht und die Belastbarkeit der Menschen zeigt.
Steve Seid

ZUM 65. JAHRESTAG DES KRIEGSENDES VON MAI 1945
Kino Arsenal, Donnerstag 6. Mai, 18 Uhr

WOHIN UND ZURÜCK, TEIL 3 „WELCOME IN VIENNA“
Spielfilm, Regie: Axel Corti, Österreich 1986, 127 min.
Einführung: Georg Stefan Troller

Österreich 1945: Freddy Wolff (Gabriel Barylli) ist mittlerweile Soldat der US-Armee und erreicht das zerbombte Wien als zögerlicher Sieger. Zusammen mit Sergeant Adler (Nicolas Brieger), einem kommunistischen Intellektuellen, der ursprünglich aus Berlin stammt, gehört er zu einer Besatzungstruppe, deren Aufgabe darin besteht, die in Ruinen liegende Stadt zu entnazifizieren. Nach dem Sieg über die Deutschen steigen die ehemaligen Kollaborateure jedoch wieder auf, als sei nichts geschehen. Entgeistert über das dreiste Abstreiten aller Untaten findet Freddy Trost in den Armen Claudias (Claudia Messner), der schönen Tochter eines ehemaligen Nazi-Geheimdienstlers. Mit dem Ende seiner Trilogie schuf Corti „einen Film, der die Dichte und emotionale Gewalt von Renoirs ‚Die Spielregel‘ erreicht“, urteilte Kritiker David Thomson. „Nichts ist beendet oder geklärt.“
Steve Seid

MAZEL TOV
© Fotos & Trailer: Pilotfilm
BERLINER ERSTAUFÜHRUNG, Kino Arsenal, Donnerstag 6. Mai, 20.30 Uhr
MAZEL TOV
Dokumentarfilm, Regie: Thomas Bergmann, Mischka Popp, Deutschland 2009, 91 min.
Gäste: Thomas Bergmann, Mischka Popp und Dalia Moneta, Leiterin der Sozialabteilung der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main

Anschl.: Bekanntgabe der weiteren beiden Preisträger des 16. JFFB

Ein Fest jüdischer Kriegsveteranen in Frankfurt am Main. Am 9. Mai, dem Tag der Befreiung, wird jedem eine rote Rose überreicht. Man klatscht, tanzt und weint ein bisschen. Dann sitzen sie in ihren Neubauwohnungen vor schweren Vorhängen auf geblümten Plüschsofas, zeigen Fotos und erzählen… Auch nach langen Jahren in Deutschland verlaufe »in der Welt der Emigranten noch alles auf Russisch«, sagt jemand. Anders die Kinder und die, die sich scheinbar mühelos in beiden Welten bewegen: die Enkel. Äußerlich unterscheiden die sich in nichts von ihren hier geborenen Altersgenossen; bei der Jom Haatzmaut-Party sehen alle wie Ken und Barbie aus und plötzlich scheint es viel schwerer, die Welten der Alten und der Jungen zusammenzudenken als die von Zu- oder Nichtzugewanderten.
Festlegen will sich niemand so recht. Selbst die alten Rotarmisten sehen sich weniger im »Land der Täter« als in dem der Besiegten und Befreiten. Der Veteran, der seine Auszeichnungen für »aktive Kampfhandlungen« zeigt, erklärt: »Ich wusste, wenn wir nicht siegen, wird es keine Juden mehr geben.« – Das ist auch Dalia, der Sozialarbeiterin, bewusst: »Sie haben uns befreit, ich meine das ganze russische Volk. Sie haben die höchsten Opfer gebracht. Ich muss weinen, wenn ich sie sehe, mit ihren Orden….«
Gewidmet den jüdischen Kämpfern in der Roten Armee – steht im Abspann des Films.
Judith Kessler

Filmmuseum Potsdam, Freitag 7. Mai, 20 Uhr
AJAMI
Spielfilm, Regie: Scandar Copti, Yaron Shani, Israel/Deutschland 2009, 120 min.

Gast: Produzent Thanassis Karathanos, anschließend Empfang im Foyer

Gemeinsam geschrieben und inszeniert von einem Palästinenser und einem Juden, und besetzt mit fantastischen Laiendarstellern, ist AJAMI eine kreative Höchstleistung israelischer Filmkunst. Das Stück spielt in Jaffas armem Viertel Ajami, die Verbrechensrate ist hoch und die Mischung der Anwohner explosiv: christliche und arabische Israelis, Beduinen, Palästinenser aus den besetzten Gebieten, Juden. Schüsse aus einem fahrenden Auto stehen am Beginn der Erzählung. Der Film bewegt sich vorwärts und rückwärts durch die Zeit, präsentiert neue Figuren und ihre Geschichten und zeigt, wie tragisch sie alle miteinander verbunden sind.
Das klingt düster und ist es auch, aber der Film – seine Kunst, sein Handwerk, sein innerer Drang, und vor allem seine Großzügigkeit – ist erhebend. Hier gibt es keine 08/15-Bösewichte; die Grenzen zwischen Gut und Böse, zwischen widerstreitenden Familien, Stämmen und nationalen Loyalitäten sind dafür zu kompliziert. Familienaufnahmen fast unerträglicher Zartheit unterstreichen, wie die Gewalt das Gewebe der Gesellschaft zerreißt und die Jugendlichen ihrer Jugend beraubt.
Zu den zahlreichen Auszeichnungen für den Film und die Regisseure Scandar Copti und Yaron Shani gehören eine Oscar-Nominierung als bester fremdsprachiger Film sowie israelische Ophir Awards als Bester Film und für die Beste Regie. Kaj Wilson