Die Bedeutung jüdischer Filmfestivals hat einen Ausgangspunkt, und der liegt in Kalifornien: 1980 richtete Deborah Kaufman in San Francisco das erste jüdische Filmfestival der Welt aus. Es läuft bis heute, veranstaltet vom Jewish Film Institute, und gilt als das größte und am längsten laufende seiner Art. Fast jedes spätere Festival dieser Sorte lässt sich auf dieses eine zurückführen – Helen Zukerman gründete das Toronto Jewish Film Festival 1993, nachdem sie in San Francisco zu Gast gewesen war.
Die Aufgabe, die sich diese Festivals selbst zuschreiben
Die Begründungen fallen erstaunlich gleichförmig aus, und zwar nicht aus Bequemlichkeit: die Aufgabe ist tatsächlich überall dieselbe. Es geht um Filme, für die es in den jeweiligen Ländern weder einen Verleih noch einen Sendeplatz gibt. Die Berliner Selbstbeschreibung formuliert es so, dass Perspektiven gezeigt werden sollen, die im täglichen Strom der Schlagzeilen selten vorkommen.
Das ist weniger banal, als es klingt. Ein israelischer Dokumentarfilm über eine Familie in Jaffa findet in Deutschland keinen Kinostart, egal wie gut er ist. Ohne Festival läuft er hier nicht.
Jüdische Filmfestivals weltweit: eine kurze Chronologie
Die Gründungsdaten ergeben eine Reihe, die sich lesen lässt: San Francisco 1980, Toronto 1993, Berlin und Potsdam 1995, London 1997. Dazu kommen Festivals in Hongkong und Indianapolis und Dutzende kleinere in Nordamerika und Europa.
Auffällig ist der Abstand zwischen dem ersten und dem zweiten. Dreizehn Jahre lang blieb San Francisco allein, dann kamen innerhalb von vier Jahren drei weitere. Jüdische Filmfestivals weltweit sind damit weniger eine Gründungswelle der Achtziger als eine der Neunziger – was zeitlich mit dem Ende des Kalten Kriegs und dem Oslo-Prozess zusammenfällt, ohne dass sich daraus eine Ursache machen lässt.
Was im Programm tatsächlich landet
Die beste Auskunft darüber gibt kein Selbstverständnis, sondern ein Programm. Im dokumentierten Berliner Bestand stehen 196 Werkangaben aus neun Jahrgängen. Israel stellt 63 Titel, die USA 36, Frankreich 12, Deutschland 7. Der Rest verteilt sich auf Australien, Belgien, Norwegen, Österreich, Kasachstan, Argentinien und ein Dutzend weitere.
Die Form ist ebenso aussagekräftig: Dokumentarfilme dominieren die späteren Jahrgänge deutlich, während der Jahrgang 2004 überwiegend Spielfilme führte, viele davon Wiederaufnahmen aus früheren Festivaljahren. Ein Programm, das sich aus Wiederaufnahmen speist, hat entweder wenig Zulauf oder ein Jubiläum – 2004 war es das zehnte Jahr.
Wer jüdische Filmfestivals weltweit vergleichen will, stößt hier auf ein praktisches Problem: die meisten veröffentlichen ihre alten Programme nicht dauerhaft. Was von einem Jahrgang übrig bleibt, ist oft eine Pressemitteilung und eine Preisträgerliste. Der Berliner Bestand ist deshalb weniger eine Besonderheit als ein Zufall der Überlieferung.
Die Bedeutung jüdischer Filmfestivals liegt im Saal, nicht auf der Leinwand
An dieser Stelle weicht der Befund von der üblichen Erzählung ab. Die Bedeutung jüdischer Filmfestivals wird meist über die Filme begründet, und das trifft nur die Hälfte. In den Berliner Programmen ist zu jeder zweiten Vorstellung mindestens ein Gast vermerkt: Regisseurinnen, Produzenten, Cutterinnen, Zeitzeugen. Zur Vorstellung von Das Haus in der Auguststraße 2008 kamen die Regisseurin Ayelet Bargur, die Produzentin Edna Kowarski, die Cutterin Einat Glazer-Zarhin und mehrere ehemalige Zöglinge des Kinderheims „Beit Ahawah”, über das der Film erzählt.
Solche Abende sind nicht wiederholbar und nicht streambar. Das ist die Aufgabe, die ein Festival erfüllt und eine Mediathek nicht. Die Bedeutung jüdischer Filmfestivals bemisst sich damit an etwas, das in keinem Programmheft steht und sich nachträglich nur an den Gästelisten ablesen lässt.
Ein Nebenaspekt: die Preisgelder
Eine Randbeobachtung, die in keine der Begründungen passt. Die Berliner Preise waren zusammen mit 7.000 Euro dotiert, verteilt auf drei Kategorien. Für eine Filmproduktion ist das kein Betrag, der etwas finanziert. Er funktioniert als Auszeichnung, nicht als Förderung – und trotzdem stehen die Preisträgerlisten zwischen 2002 und 2014 voller Namen, die danach international weitergearbeitet haben. Joseph Cedar, der 2012 gewann, war ein Jahr zuvor für einen Oscar nominiert.
Woran genau das liegt, ob an der Auswahlqualität oder daran, dass Jurys ohnehin auf Filme schauen, die schon Aufmerksamkeit haben, sagt keine der Quellen. Das Programm weltweit gibt darauf keine Antwort, und die Berliner Unterlagen erst recht nicht.