Carl Laemmle war siebzehn, als er 1884 aus Laupheim in Württemberg auswanderte. 1912 gründete er in New York die Universal Film Manufacturing Company. Adolph Zukor kam aus Ricse in Ungarn und baute Paramount auf, William Fox aus Tolcsva, Louis B. Mayer aus Minsk. Die vier Warner-Brüder – Harry, Albert, Sam und Jack – waren Kinder eines Schuhmachers aus Krasnosielc im damaligen Russischen Reich. Wer nach berühmten Regisseuren fragt, landet bei diesem Thema zuerst nicht bei der Regie, sondern bei Einwanderern, die eine Industrie erfunden haben: die einflussreichsten jüdischen Filmemacher waren am Anfang Produzenten.
Berühmte Regisseure in Hollywood – und woher sie kamen
Auf der Regieseite setzt sich das fort, nur zeitversetzt. Ernst Lubitsch kam 1922 aus Berlin nach Hollywood und brachte eine Komödientradition mit, die dort keine Entsprechung hatte. Billy Wilder verließ Berlin 1933, arbeitete in Paris als Drehbuchautor und drehte später Manche mögen’s heiß und Das Appartement. Otto Preminger kam aus Wien. Stanley Kubrick, in der Bronx geboren, gehörte zur ersten Generation, die nicht mehr emigriert war.
Diese berühmten Regisseure verbindet weniger eine Herkunft als eine Biografie: Bruch, Ortswechsel, Arbeit in einer Sprache, die nicht die erste war. Bei Wilder ist das bis in die Dialoge hörbar. Wer berühmte Regisseure dieser Generation nebeneinander stellt, bekommt eine Emigrationsgeschichte und nur nebenbei eine Filmgeschichte.
Bekannte Regisseure, die das Thema selbst zum Stoff machten
Eine kleinere Gruppe hat das Jüdische nicht mitgebracht, sondern behandelt. Mel Brooks trieb es in The Producers (1967) in die Satire. Woody Allen machte es zum Dauermotiv seiner New-Yorker Filme. Steven Spielberg drehte 1993 Schindlers Liste und gründete ein Jahr darauf die Shoah Foundation, die Zeugnisse von Überlebenden aufzeichnet. Bei den Coen-Brüdern taucht es als Milieu auf, in A Serious Man (2009) als ganzer Film.
Es sind diese bekannten Regisseure, über die das Publikum in Deutschland den Zugang zum Thema gefunden hat – nicht über das israelische Kino aus Israel, das hierzulande lange kaum zu sehen war. Dass bekannte Regisseure aus Hollywood die Vermittler wurden, hat den Blick auf das Thema für Jahrzehnte geprägt.
Israel: jüdische Filmemacher im Bestand dieses Archivs
Genau diese Lücke hat das Jüdische Filmfestival Berlin und Potsdam bearbeitet. Wer den dokumentierten Bestand durchsieht, findet Israel mit 63 Titeln als das mit Abstand stärkste Produktionsland – vor den USA mit 36.
Die Regisseure dahinter sind keine Randfiguren. Amos Gitai war mit einer Retrospektive vertreten. Eran Riklis gewann 2013 den Preis für den besten israelischen Film mit Zaytun, Joseph Cedar 2012 mit Footnote, Dan Wolman 2011 mit Gei Oni, Yael Hersonski 2010 mit A Film Unfinished. Tamar Tal gewann 2012 den Publikumspreis mit Life in Stills, Michael Mayer 2013 mit Out in the Dark. Ron Ninios Fernsehserie Arab Work eröffnete 2008 das Festival, mit Produzent, Drehbuchautor und Hauptdarstellerin im Saal.
Diese jüdischen Filmemacher sind in Deutschland bis heute deutlich weniger bekannt als ihre Hollywood-Kollegen, obwohl mehrere von ihnen über Jahre hier gezeigt wurden. Die Preisträgerlisten sind der beste verfügbare Beleg dafür, wen eine deutsche Jury und ein deutsches Publikum tatsächlich ausgezeichnet haben.
Ein Einwand gegen die ganze Kategorie
An dieser Stelle gehört ein Vorbehalt hin, der sich nicht auflösen lässt. Die Frage, wer als jüdischer Filmemacher gilt, hat keine saubere Antwort. Fritz Lang hatte eine jüdische Mutter und einen katholischen Vater, verließ Deutschland 1933 und hat sich zu der Zuordnung nie eindeutig verhalten. Kubrick wollte über Herkunft grundsätzlich nicht sprechen. Bei anderen ist die Zuschreibung eine Sache der Biografen, nicht der Betroffenen.
Deshalb taugt keine Liste als Aussage über Personen. Wer nach den einflussreichsten jüdischen Filmemachern sucht, sucht in Wahrheit nach Werken und nach Wirkung, und beides ist nachprüfbar. Belastbar ist nur, was sich prüfen lässt: wer welchen Film gedreht hat, in welchem Jahr, in welchem Produktionsland, und wo er gelaufen ist. Genau das hält das Archiv fest.
Was im Bestand fehlt
Auffällig ist, wen der Bestand nicht führt. Frauen sind in den Regieangaben der frühen Jahrgänge selten; erst ab 2010 stehen sie regelmäßig – Yael Hersonski, Tamar Tal, Ayelet Bargur, Ester Amrami, Vidi Bilu, Nadja Tenge, Sally Musleh Jaber. Ob das die Einreichungen spiegelt oder die Auswahl, sagt keine der Quellen. Die Programmseiten nennen Ergebnisse, keine Begründungen, und die Auswahlprotokolle sind nicht überliefert.